Mittwoch, 25. Juni 2014

Valiant Hearts: The Great War | Review | PS3



 
Freunde, kein Kriegsspiel, sondern ein Spiel über den Krieg. Genauso beschreiben die Entwickler dieses kleine digitale Werk und sie hätten es nicht besser treffen können. Valiant Hearts erzählt über die Dauer des Ersten Weltkrieges die parallelen Geschichten von viereinhalb Charakteren, die alle anders vom Krieg beeinflusst werden. Anders als bei herkömmlichen Kriegsspielen geht es hier nur nicht darum, im Alleingang die feindlichen Reihen zu infiltrieren, alles in die Luft zu jagen und am Ende dem Obernazi in die Eier zu treten. Wir spielen keinen abgebrühten, unbesiegbaren furchtlosen Helden, sondern ganz normale Menschen, die aus ihrem friedlichen Alltag gerissen wurden. Ein junger deutscher Mann, der durch die Wehrpflicht von seiner französischen Frau und ihrem neugeborenen Kind losgerissen wird und sein Schwiegervater, der kurz darauf ebenfalls eingezogen wird. Ein Amerikaner, dem bereits alles genommen wurde und der seinen persönlichen Rachefeldzug führt und eine junge Ärztin, die vor keiner Wunde und keinem üblen Massaker zurückschreckt. Und natürlich Walt, der treue tierische Begleiter, der abwechselnd all diesen Figuren aus der Patsche hilft und ohne den sie niemals überlebt hätten.



Was das Spiel so besonders macht, ist wie es gemacht wurde. Zum Einen ist es sehr darauf bedacht, dass der Spieler im gesamten Durchlauf niemanden tötet. Gegner werden wenn überhaupt dann nur ausgeknockt und selbst wenn man Gebrauch von Granaten macht, schaffen die vermeintlichen Opfer es immer noch resignierend davonzulaufen. Aber nicht nur dieser für eine Kriegsgeschichte höchst ungewöhnlicher Ansatz weiß zu beeindrucken, sondern vor allem auch die Liebe und Sorgfalt, mit der man hier schon im Vorfeld an das Projekt herangegangen ist. Die Entwickler haben sich nicht nur mit Geschichtsbüchern auseinandergesetzt, sondern sich sogar mit Museen und historischen Instituten zusammengetan, Briefe und Bilder von echten Menschen aus dieser Zeit berücksichtigt und ihre schön konstruierte Geschichte darauf aufgebaut. Das merkt man nicht nur an den überaus menschlich handelnden Spielfiguren oder den Monologen, die sie führen wenn sie einen Brief schreiben, sondern auch an der Umsetzung der Spielelemente. Viele Gerätschaften z.B., deren Benutzung im Spielverlauf erforderlich ist, wurden möglichst akkurat dargestellt und so schießt man mit einem Mörsergeschütz nicht einfach darauf los, sondern muss zunächst Koordinaten ausmessen.

Wie zuvor schon Rayman und Child of Light wurde auch Valiant Hearts mit der Ubi Art Engine erstellt und ist somit komplett gezeichnet. Der eigensinnige Comic-Look überzeugte mich bereits, als ich das Spiel zum ersten Mal auf den Digital Days in Paris letztes Jahr sah und er enttäuschte nicht. Vor allem hat man geschafft, den Schrecken und das Bedrückende des Krieges selbst auch ohne echt wirkende Menschen oder übermäßige Gewalt darzustellen. Leichenberge, hinter denen man sich vor Maschinengewehrfeuer verschanzen muss, in Giftgas langsam erstickende Frauen und Kinder und im Vorder- wie Hintergrund um ihr Überleben kämpfende Soldaten sind auch im Comic-Look äußerst überzeugend und glaubhafter als jeder Call of Duty Teil. Aber selbst der LSD-Emulator ist glaubhafter als Call of Duty. Ganz ohne Klumpen im Hals wird man dieses Spiel jedenfalls nicht überstehen.

Das Spiel hat mit 5-8 Spielstunden für ein Digital-Game auch einen gesunden Umfang, der mir wirklich perfekt erscheint. Kein Charakter kommt zu kurz, keiner wird uns überdrüssig und die Story wird weder schnell abgehandelt noch in die Länge gestreckt. Diese steht wohl auch sehr deutlich im Vordergrund, da das Spiel gameplay-technisch zwar fast komplett aus Rätseln besteht, diese aber bis auf wenige Ausnahmen äußerst simpel und offensichtlich sind. Für schwierige Fälle steht einem aber auch immer noch ein Hilfemenü zur Verfügung, dass einem ähnlich wie bei Professor Layton drei Hinweise anbietet, hier allerdings zwischen den Hinweisen eine Wartezeit von einer Minute ansetzt, in der man das Rätsel meist doch selber zu lösen vermag, obgleich man sonst wahrscheinlich direkt den nächsten Tipp angeschaut hätte. So einfach sie auch sein mögen, so kreativ und abwechslungsreich sind sie dafür ausgedacht worden. 

Überhaupt ist das Spiel sehr abwechslungsreich, speziell, weil sich mit den Charakteren immer auch ein bisschen das Gameplay verändert. Der Ami hat mehr die actiongeladene Storyline, in der er Brücken sprengen und Bombardements entgehen muss… habt ihr gemerkt? Bombardement. Ich passe mich dem Thema an. Das ist französisch für Michael Bay. Der Franzose muss sich meist den aufwändigeren Rätsel- und Geschicklichkeitsteilen stellen, während die Ärztin mit diversen Minispielen daher kommt und der Deutsche meist für Stealth-Einlagen genutzt wird. Auch haben sie eigene Fähigkeiten, die Abwechslung reinbringen und neue Wege eröffnen, wie das Zerschneiden von Stacheldraht, das Graben, das Heilen oder… naja, das einzige Talent des Deutschen ist irgendwie immer wieder aufs Neue gefangen genommen zu werden. Ich glaub die Franzosen sind uns immer noch etwas böse. Jedenfalls wird es nie eintönig, da auch die wunderschön gemalten Settings laufend wechseln und einem ebenso Land- wie Stadtleben und Einsätze in Stützpunkten oder unter Tage in Minen servieren. Selbst ziemlich cool inszenierte Bosskämpfe gibt es zum Ende der einzelnen Episoden.

Ich bin jedenfalls restlos begeistert von dem Spiel und auch äußerst beeindruckt. Ich wusste schon im Vorfeld, in welche Richtung es gehen und auf welche Punkte es besonderen Wert legen wollte, aber dieses Spiel hat meine Erwartungen übertroffen. Allein die Botschaft, dass Krieg nicht einfach nur schwarz und weiß ist, dass man als Ärztin nicht nur den eigenen Soldaten, sondern auch den verwundeten Deutschen hilft oder in misslichen Situationen auch mal mit dem Feind zusammenarbeitet, der sich als – oh Schreck – normaler, sympathischer Mensch entpuppt und nicht nur als willenlose Tötungsmaschine, wie die Gegner in üblichen Kriegsspielen sonst dargestellt werden. Egal an welcher Front man kämpft, der Wunsch zu überleben und Heim zu seiner Familie zu kehren eint.

Es gibt sehr viel, das mir unfassbar gut gefallen hat, wie z.B. der Soundtrack, der tatsächlich mit wohl bekannten Stücken auftrumpfte. Wenn man in GTA Vice City die 80s im Radio hört und die Songs wiedererkennt ist das ja eine Sache, aber wenn man Lieder vom Beginn des letzten Jahrhunderts hört und diese mitsummen kann, dann hat das doch einen ganz eigenen Charakter. Vor allem wurden sie ganz großartig eingesetzt und haben z.B. in dieser Sequenz sogar einen humoristischen Charakter, der mich zum Lachen brachte. Ebenso Kleinigkeiten, wie die Überblenden zu einem anderen Geschehnis in Form eines Fotos, die überraschend einfache Zubereitung von Wursteintopf im WURSTHAUS oder der amüsante Akzent von indischen NPCs. Gestört hat mich wahrhaft nichts, da die Rätsel nicht frustrierend waren, das Spiel weder zu kurz noch zu lang war und die Charaktere nicht in irgendwelchen dummen Fantasiesprachen gesprochen haben. Ein wenig fragwürdig war manchmal die Logik bei der Nutzung des Hundes und dessen Intelligenz, worüber man aber aufgrund des Puzzlegame-Charakters hinwegsehen muss und das Minispiel beim Verarzten, das nahelegt, dass unsere weibliche Hauptfigur ihre ärztlichen Kenntnisse im Dojo von Meister Onion erworben hat. Das Minispiel im Auto macht das aber sofort wieder wett. Ich kann das Spiel also nur wärmstens empfehlen, es ist jeden Euro wert, selbst wenn es nur ein Digitaltitel ist – und das, meine lieben Freunde, soll aus meinem Mund definitiv schon was heißen.
Übrigens hat das Spiel keine Augen.

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